Die meisten verbalen Unfälle passieren „unter der Wasseroberfläche“ – dort wo man es nicht sieht.

Die meisten verbalen Unfälle passieren „unter der Wasseroberfläche“ – dort wo man es nicht sieht.

In meinen Vorträgen zum Thema „Wirkungsvolle Kommunikation“, frage ich die Zuhörer manchmal, ob sie wissen, warum das berühmte Passagierschiff Titanic untergegangen ist. Dazu zeige ich ein Bild von dem Ozeandampfer (bevor er untergegangen ist) und lasse das Publikum ein wenig raten. Bevor ich die Stimmen einfange, verspreche ich vollmundig:

„Wer mir sagen kann, warum die Titanic untergegangen ist, braucht sich den Rest meines Vortrages nicht mehr anzuhören, denn dann hat er verstanden worum es hier geht! Ich verspreche Ihnen, wenn Sie wissen, warum die Titanic untergegangen ist, so werden Sie es nie wieder vergessen und Ihre Gespräche laufen in der Zukunft viel besser als bisher!“

Das steigert natürlich die Spannung im Raum und entfacht den Eifer der Zuhörer zum Mitmachen. Denn jeder will natürlich den goldenen Treffer landen und die richtige Antwort geben. „Weil sie nicht aus Holz war!“ höre ich dann. Oder: „Sie ist gegen einen Eisberg gestoßen!“. Ein Zuhörer hat mir einmal gesagt: „Weil sie nicht unsinkbar war!“ Klingt zwar irgendwie logisch, trifft aber nicht den Kern. Doch in den allerseltensten Fällen treffen die Mitratenden den genauen Grund des Sinkens dieses berühmten Schiffes.

Bevor ich die Auflösung dieses Rätsels bringe, zeige ich erst das Bild eines Eisbergs, der im Wasser schwimmt. Dieses Gedankenbild stammt vom „Vater der Psychoanalyse“, Sigmund Freud, und wurde von ihm bereits vor mehr als 100 Jahren in seinem „Eisberg-Gesetz“ formuliert.

Der Eisberg der die Titanic zum Untergang brachte, hatte etwa 300.000 Tonnen Eigenmasse. Das ist ganz schön schwer. Was glauben Sie, ist von so einem gewaltigen Eisberg oberhalb der Wasseroberfläche noch zu sehen? Richtig – nicht viel mehr als die Spitze. Das meiste von diesem großen Berg, nämlich etwa 7/8 der Gesamtmasse, liegt unterhalb der Wasseroberfläche, dort wo man es nicht sieht. Man stelle sich nun einen Eisberg vor, der im Wasser schwimmt. Von der obersten Spitze ab wird er immer breiter, verläuft also etwa kegelförmig und wird auch unterhalb der Wasseroberfläche noch breiter. So einen Eisberg zeige ich meinen Zuhörern und verrate ihnen dann, dass die Titanic durch ein Ausweichmanöver im letzten Augenblick zwar an der Spitze des Eisberges vorbeigeschrammt ist, aber unterhalb der Wasseroberfläche durch den dort breiter werdenden Eisberg vollkommen aufgerissen wurde. Der vordere Teil des Dampfers füllte sich schnell mit Wasser und das Schiff sank schließlich.

Was hat diese Geschichte, so spannend sie auch ist, eigentlich mit unserem Thema zu tun, werden Sie nun womöglich fragen.

Ganz einfach: Auch die meisten kommunikativen Unfälle passieren unter der „Wasseroberfläche“ – dort wo man sie nicht sieht. Genau wie bei unserer Titanic, deren Besatzung die Ausmaße des Eisberges unter der Wasseroberfläche nicht gesehen hat und die ihr schließlich zum Verhängnis wurden.

Es gibt nach anerkannten kommunikationspsychologischen Modellen zwei Hauptebenen in der Kommunikation zwischen Menschen: Die Sachebene und die Beziehungsebene. Wenn wir die sichtbare Spitze des Eisberges als Symbol für die Sachebene und den Rest für die Beziehungsebene nehmen, so liegt der erheblich größere Teil des Eisberges, und auch der Kommunikation zwischen Menschen, unter der Oberfläche – eben dort, wo man es nicht sieht. Der weitaus größte Teil von Kommunikationsproblemen zwischen zwei Menschen liegt auf der Beziehungsebene und nicht auf der Sachebene.

Auf der Beziehungsebene werden die wichtigen Grundlagen für den Ausgang eines wirkungsvoll angelegten Gespräches gelegt. Wenn die Beziehung zwischen den Gesprächspartnern nicht geklärt ist, so ist auch immer der Ausgang des Gespräches offen. Da wir aber strategisch, also zielgerichtet vorgehen wollen, müssen wir zunächst „die Beziehungsfrage“ klären:

Wie stehen wir zueinander? Haben wir Stress oder findet das Gespräch in einer harmonischen Umgebung statt? Haben wir die der Situation angemessene „Augenhöhe“ zueinander? Wer will was von wem?

Dies sind wichtige Fragestellungen, die vor jedem wichtigen Gespräch stehen, an dessen Ende wir unserem Ziel ein Stück näher gekommen sind oder es sogar erreicht haben. Erst wenn die Beziehung geklärt ist, können wir Sachfragen klären. Wenn die Beziehung gestört ist, so werden wir vermutlich mit unseren noch so guten Sachargumenten nicht überzeugen können. Aus diesem Grunde ist die Beziehungsfrage so wichtig und steht in aller Regel noch vor den Sachfragen. Ich stelle mir die Beziehungsebene gerne als Fahrweg vor:

Was nutzt mir ein schneller Sportwagen, sprich ein gutes und stichhaltiges Argument, wenn ich keine gute Straße, zum Beispiel eine Autobahn habe, über die ich mit meinem tollen Wagen schnell von A nach B fahren und die vollen PS meiner guten Sachargumente auf die Straße bringen kann?

Ich bleibe mit meinem Sportwagen unweigerlich im Acker stecken, der für mich die ungeklärte oder gestörte Beziehungsfrage symbolisiert. Wenn die Beziehung aber gut ist und damit gleichsam eine Autobahn darstellt, so komme ich auch sehr schnell zu meinem Ziel – mit dem Auto, wie mit meinen Argumenten. Aus diesem Grunde ist das Bild des Eisbergs so treffend. Denn wenn es Kommunikationsprobleme zwischen Menschen gibt, so liegt es häufig an einer gestörten Beziehung und nicht an der Sache selbst.

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Der Autor Jorge Klapproth ist Kommunikationsberater, Medientrainer und Executive Coach für Führungskräfte. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören die Werke „Wirkungsvolle Kommunikation als Erfolgsfaktor für Führungskräfte“ das in deutscher und englischer Sprache erschienen ist und das im Mai 2016 erschienene Handbuch für Krisenmanagement und Krisenkommunikation „Der Tag X – Vorbereitung auf den Ernstfall“.

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